Donnerstag, Februar 17, 2005

Neue Musik und andere akkustische Sensationen (Teil 5)

Nicht dass ich alles nur gut finde, oder lobhudle. Die Performance des “Colectivo Vasco Klem” hat mir nicht gefallen: Auf einer Videoleinwand wird ein Film gezeigt, der eine nackte Frau zeigt, die rundherum mit einem Edding-Stift beschrieben wird, dem Text kann ich nicht ganz folgen, es geht aber wohl um die Übertragung von Krankheiten. Vor der Leinwand steht ein Saxophonist und während er ein freies Solo spielt, wird er mit Mullbinde umwickelt. Für mich ein Rückfall in die Siebziger, Otto Mühl lässt grüssen.

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Welche akkustische Wohltat war dagegen der Solovortrag der Süd-Tiroler Gitarristin Margareth Kammerer, deren aktuelle CD “to be an animal of real flesh” ich wärmstens empfehlen kann.
Sie spielte einfache, aber nicht simple, repitative Pattern auf der Gitarre, teilweise vertont sie Gedichte von Cummings, Celan oder Artaud. Sie hat eine klare ausdrucksstarke Stimme mit einem wunderbar natürlichen Vibrato, wie schrieb die Taz so schön zur CD: “Avantgarde zum Angewöhnen”.

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Mittwoch, Februar 16, 2005

Neue Musik und andere akkustische Sensationen (Teil 4)ö

Der zweite Abend beginnt in der Lobby mit der Installation “Zoonirico” des Tonkünstlers Truna, der tutende, kreischende, gurgelnde und sonstig lärmende Maschinen baut und sie über Schalter und Regler anschaltet und wieder abschaltet. Akkordeonzungen, Samples, kleine Gitarren, Kindertr�ten oder elektromagnetische Felder, alles wird über Tonabnehmer oder mechanisch irgentwie hörbar gemacht - ein lautes aber heiteres Spektakel - und er bringt die Zuschauer tatsächlich dazu bei einer seiner rhythmischeren Maschinen mitzuklatschen.

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Es folgte der grosse spanische Komponist José Manuel Berenguer mit einer in Max/Msp geschriebenen Komposition, die von einer Projektion aus einem zweiten Computer mit Hilfe von Jitter begleitet wurde.

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Das Stück begann mit einer granularen Fläche, die für mich ideale, fast paradiesische Züge annahm. Verteilt durch den Raum zieht sie vorbei und verändert sich fortwährend, wie eine Wolke die sich bei jedem Hinsehen zu verändern scheint. Die Videografik zeichnet feine Schwärme von Punkten auf die Wand, die sich einander anziehen und abstossen wollen.

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Im zweiten Teil des Stückes wird es knirschend und laut, unterbrochen von Eruptionen. Reissendes Metall, gewaltige Klangbeben und wieder reisst und knirscht es. Das Bild wird sehr unruhig und Flächen und Objekte wechseln sich in einer Bildfolge ab, der man nicht mehr folgen kann.

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Im dritten Teil wird der Hörer wieder in die flächenartigen Klänge geleitet, die nach dem heftigen Mittelteil umso verführerischer wirken. Ideale Klänge, ohne sinusartig zu sein, organische Elektronik - ein grosses Stück der Garnularsynthese.

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Dienstag, Februar 15, 2005

Neue Musik und andere akkustische Sensationen (Teil 3)

Das Stück des Kolumbianers Carlos Gómez beginnt sehr verhalten. Er sitzt hinter einem tiefen Tisch auf dem Boden, vor sich ein aufgeklapptes Powerbook, neben ihm eine Angel mit einer Schnur und einem nicht definierbarem Objekt, das so angestrahlt wird, dass es einen grossen Schatten auf die dahinterliegende Bühnenwand wirft.
Seine Musik ist leise und “Click&Cuts"-artige Geräusche vermischen sich mit undefinierbaren Samples aus Filmen oder Fernsehen. Es knirscht in Quadro und das leise und immer wieder mit Generalpausen versetzt.

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Dann steht er auf und nimmt die Angel in die Hand. Das kleine Objekt stellt sich als ein Lautsprecher heraus, aus dem eine Stimme klingt, die wie beiläufig ein la-la-la singt. Eine unentschlossene Melodie. Er geht mit der Angel durch das Publikum und der Lautsprecher fliegt an den Ohren der Hörer, auch an meinen, vorbei. Ich bin gleichermassen berührt wie begeistert. Eine akkustische Welt tut sich auf, nur eine kleine Melodie, die vorbeifliegt, aber sie weckt Erinnerungen und Assoziationen. Begeisteter Applaus.

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Die bekannte Flamenco-Sängerin Alicia Acuna betritt die ü�hne und mit ihr Llorenc Barber. Alle haben nach der Programmankündigung erwartet Flamenco mit Gitarren zu erleben, aber schleift ein Becken über den Boden, das er nach und nach scheppernd und obertonreich von der Bühne hochhebt.

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Dann stülpt er, auf das Becken schlagend, sich selbiges auf den Kopf und beginnt wie ein mongolischer Kehlkopfsänger die Obertöne des Beckens zu singen. Dazu beginnt Alicia Acuna den traditionellen Flamenco-Gesang mit Herzschmerz und allem drum und dran. Sehr intensiv und gefühlsgeladen.

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Das ganze ebbt in der Intensität wieder ab und das Becken schleift über den Boden von der Bühne. Stürmischer Applaus und Bravo-Rufe.

Sonntag, Februar 13, 2005

Neue Musik und andere akkustische Sensationen (Teil 2)ä

Die nächsten Beiträge des ersten Abends in Aileo:

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Die beiden Poeten Carles Hac und Mor-Ester Xargay versetzen mit ihren Vortr�gen und kurzen literarischen Videos die Zuschauer zu Beifallsstürmen. Auch wenn ich gerne mitlachte, so verstand ich nicht genug Spanisch, um hier eine genauere Beschreibung zu geben.

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Der Komponist Luciano Berio komponierte Etüden für die unerschiedlichsten Solo-Instrumente, so auch für Saxophon, von denen in Kreisen der Komponisten nur in höchsten Tönen gesprochen wird. Der Sopran-Saxophonist Esteban Vila spielte eine solche in Perfektion.

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Der Schweizer Werner Iten spielt in seiner Solo-Performance Gegenstände des täglichen Lebens, wie Töpfe mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie seine Instrumente, die Tuba und das Euphonium, sowie verschiedene Schlagzeugteile und Flöten. Er improvisiert dabei nicht wie im Jazz auf Höhepunkte und Grooves hin, sondern schafft kleine Klang-Minaturen, die nicht einer Komik entbehren - auch Neue Musik kann heiter sein.

Samstag, Februar 12, 2005

Neue Musik und andere akkustische Sensationen (Teil 1)

Wie Ihr ja jetzt wisst, komme ich gerade aus Spanien, wo ich am Festival “Festival International Nits D´Aielo L Arts” teilgenommen habe - eine Veranstaltung in denen Neue Musik in 4 Konzerten in Madrid und zwei Konzerten in Aielo (80km vor Valencia) vorgestellt wurden. Es war das achte Festival dieser Art und wird vom äusserst engagierten Llorenc Barber kuratiert.
In den nächsten Tagen möchte ich Künstler dieser Konzerte vorstellen, die im Umfeld der Neuen Musik oder improvisierten Musik tätig sind und aufgrund der Medien+ Hörstrukturen nur selten in der Öffentlichkeit gehört werden können.

Beginnen werde ich mit der Aktion des Künstlers Rafael Leonardo Setién. Er führte eine Art Fortsetzungs-Performance durch, der erste Teil war in Madrid zu sehen, der zweite in Aielo.
In einem Raum sind aufgebaut: Ein Tisch mit Glocken und einem Holzgerüst und einigem Werkzeug. Rechts und links hinter dem Tisch stehen zwei Schallplattenspieler, hinter dem Tisch ein Fernseher. Im Eingangsbereich des Raumes sind Stühle mit Notenständern aufgebaut, auf denen sind grafische Partituren aufgebaut.

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Ein Bass-Klarinettist nimmt nach und nach auf den Stühlen Platz und spielt was er sieht. Der Künstler Setién betritt den Raum und breitet nach und nach Bilder auf dem Boden aus, er wird dabei von einem Kameramann gefilmt, der ihn über die ganze Performance hinweg filmt, das Ganze wird auf einer Videoleinwand übertragen. Danach nimmt er eine Glocke vom Tisch und zieht laut bimmelnd durch den Raum. Nachdem sich auch in die letzten Gehörgänge der laute Glockenton eingefressen hat, geht er wieder zum Tisch und beginnt Beton anzurühren. Nach einer Weile füllt er diesen frischen Beton in das vor ihm stehende Holzgerüst, dazu spielen die beiden Plattenspieler zwei präparierte Schallplatten mit unterschiedlichen Loops auf Tempo 16. Er versenkt die Glocke im Beton und giesst den Rest darüber, um sie so einzuschliessen. Die Musik verstummt und er erzählt dem Publikum, dass es ihm um die Erinnerung an Klänge geht, an verschollene Klänge, an das “Nicht-Vergessen”. Bilder können immer wieder gezeigt werden - Klänge dagegen finden nur in Echtzeit statt, sie können nur “erinnert werden”. Wir sollen uns der vergessenen Klänge erinnern und besonders an diese Glocke. Wir, das Publikum hätten jetzt noch 10 Minuten Zeit, uns auf dem Tisch und den Bildern umzusehen, dann wäre die Performance zuende - die Fortsetzung ist die “Beerdigung” der Glocke an einem anderen Tag.

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Ein paar Tage später in Aielo: Die 20-köpfige Kapelle des Dorfes (4000 Einwohner) spielt eine schöne, melancholische und minimalistische Komposition. Wieder wird der Künstler von einer Kamera gefilmt und das Bild auf eine Häuserwand projeziert, dazu läuft ein Fernseher mit der Performance aus Madrid.

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Rafael Leonardo Seti�n buddelt vor dem örtlichen Konservatorium ein Loch in die harte Erde und versenkt die in Beton gegossene Glocke dort hinein, das Ganze ist durch Licht von Fackeln erhellt. Die Zahlreichen Zuschauer des Dorfes stehen ratlos, aber gebannt davor und erleben so die Beerdigung der Glocke.

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Das Ganze mag sehr merkwürdig klingen, ich erlebte es als etwas poetisches und fand es sehr schön die Musiker des Dorfes mit in die Performance mit einzubeziehen.

Madrid

Es war eine überraschend schönes Festival auf dem ich mit Michael Fahres zusammen spielen konnte, aber bevor ich auf die einzelnen Beiträge eingehe, möchte ich ein paar Eindrücke aus Madrid zeigen.

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Es war sonnig, aber kalt. Eine Woche zuvor hatte noch Schnee gelegen und viele Gebäude werden nicht beheizt - ein Fall für dicke Pullover und Schal.

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In einem Cafe am Puerta del Sol.

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Der alte Bahnhof wurde zum tropischen Park umfunktioniert und der neue Bahnhof dahinter neu gebaut.

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Das ist das Hinweisschild in unserer Pension für den Fall, dass alle Zimmer ausgebucht sind.

Montag, Januar 31, 2005

Offline

Bis zum 10.2.05 bin zu Konzerten in Madrid und Valencia und weiss nicht, ob ich dort Zugang zum Internet habe - also erstmal ein kleine Pause.....

Sonntag, Januar 30, 2005

Klassisch

Gestern Abend habe ich das ausverkaufte Konzert von Midori besucht. Normalerweise habe ich eine komische Angewohnheit: Ich höre wie ein Musikkritiker, gebe innerlich Kommentare ab: “Naja, da war der zweite Satz aber nicht ganz so gelungen”. Selten kann ich mich ganz auf die Musik einlassen. Gestern war so ein Abend. Midori spielte mit einer selbstverständlichen Perfektion, die mich alles vergessen ließen - ich konnte einfach nur die Musik geniessen.
Wen man sich ihre Karriere anschaut ist diese aussergewöhnliche Fähigkeit durchaus hart erkauft: Strenge Erziehung, Wunderkind, schon mit 14 Jahren spielte sie mit Grössen wie Leonard Bernstein, mehrmaliger Psychatrie-Aufenthalt. Aber sie spielt wirklich wie von einer anderen Welt. Technisch glänzt sie mit lupenreiner Höhe, musikalisch erreicht sie eine Tiefe, die sie zu den ganz Grossen macht. Und: Wie selbstverständlich kam sie nach dem Konzert vor die Halle, um ihren zahlreichen Fans Autogramme zu schreiben.

Samstag, Januar 29, 2005

Gendertronics

Mit ein bisschen Stolz erfüllt mich meine erste Veröffentlichung bei Suhrkamp, ein Artikel im Buch Gendertronics mit dem Titel “Der Körper in der elektronischen Musik”. Weitere Autoren sind Olaf Arndt, Claudia Basrawi, Jochen Bonz & Thomas Meinecke, Mariola Brillowska, Diedrich Diederichsen, Harald Fricke, Tom Holert, Miss Kittin, Pinky Rose, Birgit Richard, Terre Thaemlitz und Marc Weiser. Mein Beitrag trägt den Titel: “Die Rehabilitation des Körpers in der elektronischen Musik”.
Eine Präsentation des Buches findet am Mittwoch 09.02. um 20:00 in der Maria am Ostbahnhof statt. (Maria am Ostbahnhof, An der Schillingbrücke / Stralauer Platz 3, 10436 Berlin)
Bestellen kann man das Buch beispielsweise hier.

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Donnerstag, Januar 27, 2005

Ganz normal bizarr

Die Seite Bizarre Records sammelt obsure Platten(cover) aus allen Kulturkreisen und Musikrichtungen. Die Sammlung ist beeindruckend und man wundert sich, welche bildnerischen Geschacksverirrungen schon in Serie gepresst wurden.

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